Inhaltszusammenfassung
Der Roman Das Eidechsenkind von Vincenzo Todisco erzählt die Geschichte eines italienischen Kindes, das in den 1970er Jahren in der Schweiz lebt. In einer Zeit, in der strikte Migrationsgesetze die Lebensrealität vieler Familien prägten, wächst das Kind in ständiger Angst vor Entdeckung und Abschiebung auf. Sein Leben spielt sich grösstenteils in einer beengten Wohnung ab, wo es die Aussenwelt meiden muss.
Im ersten Teil des Romans wird die enge Bindung des Kindes zu seiner Mutter beschrieben. Sie versucht, die Isolation durch das Erzählen von Märchen erträglicher zu machen. Eine zentrale Rolle spielt auch Nonna Assunta, die mit ihren Geschichten und Weisheiten eine Verbindung zur italienischen Heimat herstellt und dem Kind ein Gefühl von kultureller Identität vermittelt. Gleichzeitig wird der Vater als strenger, aber besorgter Mann geschildert, der durch harte Arbeit für das Überleben der Familie sorgt. Das Kind entwickelt eine besondere Faszination für eine Madonnafigur, die es als Symbol für Schutz und Hoffnung wahrnimmt.
Im zweiten Teil rückt die Freundschaft zwischen dem Kind und Emmy, einem Mädchen aus der Nachbarschaft, in den Mittelpunkt. Gemeinsam träumen sie von einem Leben jenseits der sozialen Zwänge und organisieren Mutproben, die sie mit anderen Kindern teilen. Diese Freundschaft wird jedoch kompliziert, als heranwachsende Gefühle ins Spiel kommen. Gleichzeitig tritt ein Cousin in das Leben des Kindes, der mit Geschichten von einem unabhängigen und freieren Lebensstil die Sehnsucht nach Freiheit und Selbstbestimmung verstärkt.
Der dritte Teil des Romans ist von Verlust und Reifung geprägt. Der Tod des Vaters stellt einen Wendepunkt dar und zwingt das Kind, neue Verantwortung zu übernehmen. Gleichzeitig wächst die Distanz zu Emmy, die schliesslich die Schweiz verlässt, um ihren eigenen Weg zu gehen. Zurück bleibt das Kind, allein mit seinen Hoffnungen und Ängsten. Der Taxifahrer Tonino, eine neue Bezugsperson, bietet dem Kind vorübergehend Trost und Unterstützung. Dennoch bleibt die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und einer besseren Zukunft bestehen. Schliesslich entscheidet sich das Kind, in der Schweiz zu bleiben, auch wenn die Eltern nach Italien zurückkehren. Es träumt davon, eines Tages mit Emmy ans Meer zu reisen.
Die Eidechse bleibt ein zentrales Motiv im gesamten Roman. Sie symbolisiert die Anpassungsfähigkeit und den Überlebenswillen des Kindes, aber auch dessen Zerbrechlichkeit in einer feindlich gesinnten Umwelt. Todisco zeigt eindringlich, wie das Kind durch die harten Lebensumstände gezwungen wird, schneller erwachsen zu werden, ohne dabei seine kindliche Hoffnung und Fantasie vollständig zu verlieren.
Rezension
Das Eidechsenkind ist ein aussergewöhnlicher Roman, der tief in die Welt eines Kindes eintaucht, das mit den Härten des Lebens als Migrant kämpft. Todiscos Sprache ist poetisch und gleichzeitig klar, sodass die emotionale Tiefe des Werkes sofort spürbar wird. Besonders beeindruckend ist die Erzählweise aus der Perspektive eines Kindes, was dem Text eine rohe, ungeschönte Authentizität verleiht.
Die symbolische Bedeutung der Eidechse ist dabei besonders hervorzuheben. Diese Tiere stehen für Anpassungsfähigkeit und Überlebenswillen und spiegeln die Realität von Migranten wider, die gezwungen sind, sich der Gesellschaft anzupassen, ohne dabei ihre eigene Identität zu verlieren. Die Eidechse wird zu einem Symbol für das Kind, das zwischen der Vorstellung von „Zuhause“ und der Entfremdung hin- und hergerissen ist.
Der Roman regt dazu an, über Themen wie Heimat, Zugehörigkeit und Ausgrenzung nachzudenken. Todisco schafft es, universelle Fragen zur Identität zu stellen, ohne dabei den persönlichen und spezifischen Rahmen der Geschichte zu verlassen. Dabei bleibt die Geschichte des Kindes die treibende Kraft, und die Leser werden in den inneren Konflikt des Protagonisten hineingezogen.
Besonders gelungen ist die Darstellung der Beziehungen zwischen den Figuren. Die Freundschaft zu Emmy, die Bindung zur Mutter und die Begegnung mit Tonino sind emotional eindringlich und bieten dem Leser ein breites Spektrum an Perspektiven auf das Thema Migration. Ein möglicher Kritikpunkt ist, dass die Nebenfiguren manchmal zu wenig Raum erhalten, um ihre eigenen Konflikte auszuleuchten. Eine stärkere Fokussierung auf die Entwicklung der Eltern hätte die Geschichte noch bereichert.
Insgesamt ist Das Eidechsenkind ein bedeutendes literarisches Werk, das nicht nur in seiner sprachlichen Gestaltung überzeugt, sondern auch eine wichtige gesellschaftliche Botschaft vermittelt. Es zeigt die Herausforderungen einer ganzen Generation von Migrantenfamilien und bleibt durch die kindliche Perspektive stets nahbar und bewegend.