Analyse einer Schlüsselstelle
Die gewählte Textstelle aus dem Roman Das Eidechsenkind von Vincenzo Todisco befindet sich in Teil 1, Kapitel 15, auf Seite 69 und beschreibt eine Schlüsselszene, die exemplarisch für die Thematik der Isolation und Anpassung des Kindes steht. Die Passage lautet:
"Auf dem Schrank der Stanza in fondo hat das Kind die gestapelten Kartonschachteln etwas nach vorn geschoben und sich dahinter eingenistet. Sich dünn zu machen, den Körper erstarren zu lassen, den Atem fast auf null herunterzusetzen, das hat es jetzt alles schon gelernt. 'Ich bin wie die Lucertola', denkt sich das Kind, 'sie finden mich nicht!'" (Todisco, 2018, S. 69)
Einordnung der Textstelle
Diese Szene spielt in einem Raum, der für das Kind zu einem Rückzugsort geworden ist – der „Stanza in fondo“, was wörtlich „Raum am Ende“ bedeutet. Dieser Raum stellt symbolisch den letzten Zufluchtsort dar, den das Kind in einer Welt, die von Misstrauen und Überwachung geprägt ist, für sich beansprucht. Der Raum steht somit für Schutz und Sicherheit, aber auch für die Einsamkeit und Isolation, die das Kind aufgrund der gesellschaftlichen Umstände erfährt.
Interpretation der Metapher
Die Identifikation des Kindes mit der „Lucertola“ (Eidechse) ist eine zentrale metaphorische Darstellung im Text. Die Eidechse ist bekannt dafür, sich unauffällig zu verhalten und ihre Umgebung zu beobachten, um Gefahren zu entkommen. Durch die Selbstwahrnehmung als Eidechse macht der Protagonist deutlich, dass er sich nicht nur physisch anpassen muss, sondern auch in seiner inneren Welt. Das Kind „macht sich dünn“, lässt seinen Körper erstarren und versucht, seine Existenz unsichtbar zu machen – eine Überlebensstrategie in einer feindlichen Umgebung. Diese Metapher spiegelt den Zwang wider, sich selbst zu verleugnen und zu verstecken, um die Gefahr der Entdeckung und damit die Gefahr der Abschiebung zu vermeiden.
Sprachliche Analyse
Die sprachliche Gestaltung dieser Szene verstärkt die Intensität des Moments. Der Ausdruck „den Atem fast auf null herunterzusetzen“ ist eine hyperbolische Darstellung der extremen Selbstkontrolle, die das Kind ausübt, um „unsichtbar“ zu werden. Diese Formulierung unterstreicht den existenziellen Druck, dem das Kind ausgesetzt ist, und seine ständige Angst vor Entdeckung. Der Begriff „eingenistet“ hingegen trägt eine gewisse Ambivalenz. Auf der einen Seite beschreibt er das Zusammenkauern und Verstecken, was eine defensive Haltung und Isolation symbolisiert. Auf der anderen Seite könnte „eingenistet“ eine gewisse Geborgenheit in dieser Isolation ausdrücken, was die widersprüchlichen Gefühle des Kindes zwischen Schutz und Einsamkeit widerspiegelt.
Emotionale Wirkung und Relevanz
Diese Textstelle entfaltet eine starke emotionale Wirkung auf die Leser*innen, indem sie die innere Welt des Kindes direkt zugänglich macht. Die Identifikation des Kindes mit der Eidechse weckt Mitleid und Mitgefühl, aber auch eine tiefe Anerkennung für die Resilienz des Kindes, das trotz der extremen Umstände seine eigene Überlebensstrategie entwickelt. Die Metapher der Eidechse fordert die Leser*innen auf, sich in das Gefühl der Unsichtbarkeit und das Verlangen nach Anerkennung und Sicherheit hineinzuversetzen. Gleichzeitig thematisiert sie eine zentrale Frage des Romans: Wie kann ein Mensch seine Würde und Identität bewahren, wenn er gezwungen wird, sich zu verstecken und unsichtbar zu bleiben?
Bezug zur Thematik des Romans
Diese Textstelle trägt wesentlich zur Gesamtbotschaft des Romans bei, indem sie das zentrale Thema der Migration und der damit verbundenen Isolation sowie der Anpassung an eine feindliche Umgebung vertieft. Sie stellt die psychischen und physischen Herausforderungen dar, denen Migranten – und insbesondere Kinder – gegenüberstehen, wenn sie gezwungen sind, sich zu verstecken, ihre Identität zu verbergen und mit Angst zu leben. Der Roman nutzt diese metaphorische Darstellung, um universelle Themen wie Identität, Zugehörigkeit und das Überleben in einer Welt der Unsicherheit anzusprechen. Die Eidechse wird zum Symbol für das ständige Spiel mit Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, das für viele Migranten eine tägliche Realität darstellt.